Heute mal ein etwas theoretischer, aber – wie ich finde und hoffe – dennoch interessanter Beitrag: Wie schnell können wir maximal auf längeren Strecken schwimmen? Hydrodynamisch bedingt, nicht durch unseren Trainingszustand bedingt.

„Länge läuft!“. Viele kennen dieses Statement aus dem Bootsbau. Je länger ein Boot ist, umso höher ist die erreichbare Geschwindigkeit – dies gilt jedoch nur für Verdränger, also Boote, die so konstruiert sind, dass sie mit ihrem Rumpf im Wasser verbleiben (z.B. Kanus). Im Gegensatz dazu heben Gleiter ihren Rumpf durch genügend Auftrieb aus dem Wasser, sodass deutlich höhere Geschwindigkeiten erreichbar sind.

In erster Näherung lässt sich wohl mit Fug und Recht behaupten, dass es sich bei Schwimmer:innen eher um Verdränger, nicht um Gleiter handelt. Wir verbleiben mit unserem Körper im Wesentlichen im Wasser.

Um nun zu erklären, was Länge mit der Grenzgeschwindigkeit und das Ganze mit dem Schwimmen zu tun hat, muss ich ein wenig theoretisch werden. Auf dem Bild ist hoffentlich gut zu erkennen, dass sich beim Kraulen eine Bugwelle im Bereich der Schulter aufbaut, die entlang der Körperlänge von einem Wellental gefolgt ist. Die Bugwelle entsteht durch die Wasserverdrängung, allerdings muss die Wassermasse dafür irgendwoher kommen – so entsteht das nachfolgende Wellental. Dieses Wellental ist nun entlang der Körperlänge wieder von einem – gedämpften – Wellenberg gefolgt, etc. Der Körper schwimmt also immer leicht aufgerichtet auf einer Folge von sich abflachenden Wellen.

Mit zunehmender Geschwindigkeit entstehen nun jedoch eine immer ausgeprägtere Bugwelle und ein immer länger gezogenes Wellental. Bis die Welle schließlich eine Gesamtlänge hat, bei der das Wellental am Ende des Schwimmkörpers (Heck des Bootes oder Füße der Schwimmer:innen) angelangt. Nun liegt das Körperende in einem Wellental und der gesamte Körper tendiert dazu, sich vorne aufzurichten und hinten abzufallen. Wir müssen „bergauf“ schwimmen. Bei Booten ist bei dieser Geschwindigkeit ein deutliches Aufrichten entlang der Längsachse zu beobachten. Ab dieser Geschwindigkeit, respektive Wellenlänge, steigt der Aufwand für Geschwindigkeitszuwächse überproportional an.

Wann das Wellental die Füße erreicht hat, hängt also sowohl von der Geschwindigkeit als auch von unserer Länge im Wasser ab. In einfacher Näherung lässt sich diese Grenzgeschwindigkeit in m/s folgendermaßen bestimmen:

1.25 * Wurzel aus der Körpergröße in m

Auch wenn das eine ziemlich einfache Formel ist, produziert sie eine verblüffend treffsichere Abschätzung: Für einen brillanten Techniker wie Florian Wellbrock mit einer Körpergröße von 1,92m liegt die Grenzgeschwindigkeit bei 1,73 m/s – auf 1500m umgerechnet eine Zeit von 14:26:02, also ziemlich nahe an der Realität.

Natürlich ist die Realität komplizierter. Rennkanus können durch spitz zulaufende Rumpfformen, schmal gehaltene Breiten, etc., höhere Geschwindigkeiten erreichen, ohne zu Gleitern zu werden. Und dennoch kann daraus die Lehre gezogen werden, dass wir, je länger und schmaler wir sind, umso schneller schwimmen können. Streckung hat also Bedeutung beim Schwimmen, denn genau durch sie werden wir: länger und schmaler. Abgesehen von den Vorteilen einer großen Zuglänge und einer angemessenen Körperspannung!

Und um die Gelegenheit aufzugreifen: Wir gleiten nicht beim Schwimmen, es gibt keine Gleitphase (schon gar nicht im hydrodynamischen Sinne!). Stattdessen strecken wir uns. Sobald die machbare Streckung ausgereizt ist, setzt der Zug an, zu keinem Zeitpunkt bleiben wir bewegungslos im Wasser liegen!

Ich wünsche euch viel Spaß beim Testen und beim Training!

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